Warum unterschiedliche Umsatzsteuer- und die Sozialabgaben-Regelungen einem die Existenz zerstören können

Wer als Künstler oder Musiker Geld einnimmt, kommt zwangsläufig nicht an das Thema Umsatzsteuer vorbei.

Hier gibt es laut Umsatzsteuergesetz klare Richtlinien wann man Umsatzsteuer erheben muss und in welcher Höhe.

Welcher Umsatzsteuersatz für dich der Richtige ist, klärst du am besten mit deinem Steuerberater und zuständigem Finanzamt.

In meinem Artikel geht es einzig und alleine um den Sonderfall, dass man die gleiche Leistung mit 3 verschiedenen Sätzen anbieten kann bzw. oftmals rechtlich entsprechend angeboten werden. Aber geht das überhaupt?

Ja, wenn man als Ensemble tätig ist. Hier sagt das Steuerrecht das für künstlerische Ensemble oder Theater-ähnliche Aufführungen der ermäßigte Steuersatz von 7% berechnet werden kann. Wohlgemerkt: Kann nicht Muss.

Du darfst natürlich auch hier den vollen Satz von 19% erheben. Dein Finanzamt wird sich auf Grund der Mehreinnahme darüber freuen und es dankend und stillschweigend akzeptieren. Wenn du Kleinunternehmer bist, berechnest du generell keine Umsatzsteuer. Somit ist es tatsächlich möglich die gleiche Leistung mit unterschiedlichen Umsatzsteuersätzen zu bekommen. Allerdings nicht vom selben Anbieter. Denn du kannst natürlich nicht heute keine, morgen 19% und übermorgen die ermäßigten 7% für die gleiche Leistung nehmen. Du musst dich im Vorfeld entscheiden ob du den ermäßigten Satz oder den vollen Satz berechnen wirst. Selbst bei der Kleinunternehmer-Regelung kannst du theoretisch auch bei Umsätzen unter 17.000 € von Anfang an Umsatzsteuer berechnen.
Ob dies jedoch für dich sinnvoll ist oder nicht, klärst du ebenfalls bitte mit deinem Steuerberater.

gehen wir also mal davon aus, du möchtest als Privatperson die künstlerische Leistung eines Ensembles in Form einer Theater-ähnlichen Aufführung in Anspruch nehmen. Ich wähle bewusst die Buchung durch eine Privatperson, da Firmenkunden sich in der Regel die MwSt. wiederholen können, Privatpersonen aber nicht.

Hierfür gibt es unsere 3 fiktiven Künstler: Peter, Paul & Maria

Alle 3 sind freiberufliche Künstler, haben also keinen Gewerbeschein. Alle 3 treten mit ihren Partnern in einem Ensemble auf.

Peter ist Kleinunternehmer, erwirtschaftet also einen Jahresumsatz der unter 17500€ liegt, und erhebt somit keine MwSt. auf seine Leistung.

Paul mach einen Umsatz von etwa 20000 €, er erhebt freiwillig den Standard-Satz von 19% MwSt.

Maria wiederum macht ebenfalls 20000 € Umsatz, berechnet aber den rechtlich erlaubten ermäßigten Satz von 7%

Alle 3 nehmen für ihren Auftritt eine Gage von 1000 ,- € netto, also zzgl. Jeweils gültiger MwSt.

Alle 3 bieten die exakt gleiche Leistung an, die sich in keinster Weise qualitativ und inhaltlich voneinander unterscheidet. Der einzige Unterschied ist der MwSt.-Satz. Und dennoch zahlt der Privatkunde am Ende 3 völlig unterschiedliche Preise:

Peter  MwSt-frei  Brutto
               1.000,00 €                             –   €                1.000,00 €
 Paul 19% MwSt.  Brutto
               1.000,00 €                   190,00 €                1.190,00 €
 Maria  7% MwSt.  Brutto
               1.000,00 €                      70,00 €                1.070,00 €

 

Nun rate mal welchen Künstler der Privatkunde am ehesten buchen wird. In Fachkreisen würde man hier von einer waschechten Wettbewerbsverzerrung reden.

Macht es also für mich Sinn den vollen Umsatzsteuersatz zu berechnen, obwohl ich es rechtlich nicht muss? Natürlich nicht. Es sei denn du arbeitest ohnehin nur für Kunden, die sich die MwSt. über den Vorsteuer-Jahres-Ausgleich wiederholen werden.

Selbst dann wäre es immer noch ratsamer den ermäßigten Steuersatz zu berechnen, wie dir folgende Beispielrechnung zeigt:

Einnahmen  Ausgaben
 Netto  Brutto  7% MwSt.  Netto  Brutto  19% MwSt. USt-Differenz
   20.000,00 €    21.400,00 €      1.400,00 €    10.000,00 €    11.900,00 €      1.900,00 € –         500,00 €
 Einnahmen  Ausgaben
 Netto  Brutto  19% MwSt.  Netto  Brutto  19% MwSt. USt-Differenz
   20.000,00 €    23.800,00 €      3.800,00 €    10.000,00 €    11.900,00 €      1.900,00 €        1.900,00 €

Du siehst, du hast also beim ermäßigten Steuersatz einen Steuervorteil beim Vorsteuerabzug und bekommst am Ende noch Geld zurück. Kein Wunder, das die Finanzämter jeden gerne dazu raten, bzw. gerade dazu drängen, den vollen Umsatzsteuersatz zu berechnen.

Noch absurder wird die Wettbewerbsverzerrung bei den Sozialabgaben. Jemand der seine Kunst nicht als Hauptgewerbe, sondern als Nebentätigkeit zu seinem Vollzeitjob ausübt, zahlt für seine nebenberufliche Tätigkeit keine Sozialabgaben oder nur eine geringe Pauschale. Derjenige der die künstlerische Tätigkeit als Hauptberuf ausübt jedoch den vollen Satz. Sofern er nicht über die Künstlersozialkasse versichert ist, auch den Arbeitgeberanteil. Beim Regelsatz der gesetzlichen Krankenkasse wird von einem minimalen Einkommen von 1500,- € ausgegangen, sofern er nicht ohnehin mehr im Monat verdient. Also egal ob er nur 20 € oder 1450,- € verdient, als Bemessungsgrundlage kalkulieren die gesetzlichen Krankenkassen immer ein Basis-Einkommen von rund 1500,- € monatlich. Er muss diese Kosten unweigerlich in seine Kalkulation der Gage mit einfließen lassen. Der nebenberufliche Kollege hingegen wird ggf nicht extra zur Kasse gebeten.

  • Inwieweit es sich um eine selbstständige Nebentätigkeit handelt, ist im Einzelfall festzustellen.

  • Bei Vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmern gelten zusätzlich ausgeübte selbstständige Tätigkeiten grundsätzlich als nebenberuflich. Auf die Höhe des Gehalts kommt es dabei normalerweise nicht an.

  • Bei Arbeitnehmern, die mehr als 20 Stunden wöchentlich abhängig beschäftigt arbeiten und damit mehr als die Hälfte der monatlichen Bezugsgröße verdienen (50 % von 2.975 Euro = 1.487,50 Euro, Stand: 2017), gelten zusätzlich ausgeübte selbstständige Tätigkeiten grundsätzlich ebenfalls als nebenberuflich.

  • Bei Arbeitnehmern, die pro Woche 20 Stunden oder weniger abhängig beschäftigt arbeiten und nicht mehr als die Hälfte der monatlichen Bezugsgröße verdienen (50 % von 2.975 Euro = 1.487,50 Euro, Stand: 2017), gelten zusätzlich ausgeübte selbstständige Tätigkeiten grundsätzlich als hauptberuflich.

Wer als Angestellter in der gesetzlichen Sozialversicherung pflichtversichert ist, muss auf nebenberufliche Einkünfte aus selbstständigen Tätigkeiten in den meisten Fällen keine zusätzlichen Beiträge bezahlen: Nebenberufliche Gewinne erhöhen das im Hauptberuf erzielte Arbeitseinkommen nicht – die monatlichen Beiträge an die Kranken-, Pflege- und Rentenkassen bleiben gleich.

Quelle: https://www.akademie.de/wissen/nebenberuflich-selbststaendig/sozialversicherung

Somit zahlt der hauptberufliche Künstler hier wieder einmal drauf.

Im Umkehrschluss lässt sich somit erahnen, dass all die vermeintlichen Kollegen die zu scheinbar super-günstigen Gagen auftreten, genau aus diesen Gründen ihren Preis niedrig halten können:

1. Sie sind existenziell auf Grund ihres Hauptjobs nicht von den Einnahmen der künstlerischen Tätigkeit abhängig.

  1. Sie zahlen keine extra Sozialabgaben auf ihre künstlerische Tätigkeit. Etwa 14% Preisvorteil

3. Sie berechnen keine MwSt. da sie die künstlerische Tätigkeit als Kleinunternehmer ausüben. Bis zu 19% Preisvorteil für Privatkunden.

Es ist also zwingend notwendig das hier wieder Chancengleichheit hergestellt wird. Teile diesen Beitrag bzw. leite den Link an den Politiker deines Vertrauens in deinem Wahlkreis weiter, damit diese Wettbewerbsverzerrung endlich abgeschafft wird und alle hauptberuflichen Künstler wieder eine Job-Perspektive durch Chancengleichheit bekommen.

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